Wie Finanzinstitute unsere Zukunft verzocken – Esther Mitterstieler

24. Juni 2017

“Zuerst müssen die Gläubiger zahlen”

 

Autorin Mitterstieler im Interview mit der Bezirkszeitung: “Keine Bankenrettung auf Kosten der Steuerzahler.”

Bezirkszeitung: Ihr Buch heißt “Stoppt die Banken”. Steht es so schlecht um unser Bankensystem?

MITTERSTIELER: “Lehman Brothers war kein Zufall. Die Banken haben sich auf ein gefährliches Spiel eingelassen und viel zu viel gezockt. Herausgekommen ist die schwerste Wirtschaftskrise seit der Großen Depression 1929. Leider ist diese Krise noch immer nicht durchgestanden.”

Deswegen müssen die Banken gestoppt werden?

“Ja, aber nicht nur die Banken. Die Banken müssen wieder zurück zu ihrem ursprünglichen Geschäftsmodell, also Spareinlagen von Sparern aufnehmen und Geld an Unternehmen und Private verleihen.”

Wer soll noch gestoppt werden?

“Wir brauchen ein neues Wirtschaftssystem, das nicht nur auf dem reinen Shareholder-Value-Prinzip aufgebaut ist. Dieses Prinzip gibt den Eigentümern eines Unternehmens oder einer Bank das alleinige Ziel der Wertvermehrung des Unternehmens vor -ohne Rücksicht auf Verluste. Nach dem Motto ,Der Gewinner erhält alles’. Und das geht im Fall von Banken gar nicht.”

Warum ist das im Fall von Banken besonders kritisch?

“Banken haben eine besondere Rolle in der Gesamtwirtschaft, sie müssen für den Geldkreislauf sorgen. Wenn dieser nicht funktioniert, dann funktioniert gar nichts mehr. Man muss Banken anders behandeln als herkömmliche Unternehmen. Nur hat sich das in den Jahren kurz vor Lehman dahingehend entwickelt, dass viele Banken sich sicher sein konnten, bei Schwierigkeiten vom Staat gerettet zu werden. Das hat manche Topbanker zu immer größeren Risiken ermuntert.”

Sie sind also dafür, dass Banken in die Pleite geschickt werden?

“Wichtig ist es, Banken nicht per se zu retten. Wenn eine Bank Mist gebaut hat und sich verzockt hat, muss auch erlaubt sein, zu sagen: Wir wickeln das Institut ab. Aber nicht auf Kosten der Steuerzahler. Zuerst müssen die Gläubiger zahlen. Das war bisher nicht der Fall. Das neue Regelwerk der Bankenunion wird dies ändern.”

Themenwechsel: Derzeit bekommt ein Bankkunde kaum mehr Zinsen für sein Erspartes. Wird sich das bald ändern?

“Das wird sich noch länger nicht ändern. Denn die Europäische Zentralbank hat die Zinsen wieder gesenkt. Die Banken bekommen also billiges Geld, geben dies aber nicht in Form von höheren Zinsen an ihre Kunden weiter. Genauso wenig vergeben sie günstigere Kredite.”

Die Inlandsinvestitionen stocken deshalb.

“Die Banken ziehen es vor, Geld für die eigene Refinanzierung zu verwenden oder es für Börsengeschäfte einzusetzen. Anstatt dass Banken sicherer werden, zocken sie, um ihre dünne Eigenkapitaldecke aufzupeppen. Das löst einen Kreislauf aus, aus dem wir so schnell nicht herauskommen.”

Was ist der Ausweg?

“Banken müssen wieder zur Substanz zurückkehren. Das müssen wir ihnen aber auch ermöglichen. Das bedeutet dann eben auch kleinere Brötchen backen.”

Das Interview führte Karin Strobl
Regionalmedien Austria

 

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